Hypocrisy-Europatouren sind verflucht!
Bereits bei der 2010er-Tour musste die
zweite Vorband (seinerzeit war
es Hatesphere) kurz vor Berlin absagen, diesmal sind es Hate. Der
Anlass dafür ist umso trauriger: Bassist Mortifer verstab einige
Tage zuvor im Tourbus. Dessen Tod ist eins der Hauptgesprächsthemen
der Fans, die Tourorganisation macht hingegen aus der Not eine Tugend
und verordnet den anderen beiden Bands längere Spielzeiten, einen
Preisnachlass gibt es dagegen nicht. Der Gang zum Shirtstand hält
verhältnismäßig hohe Preise (20€ für ein Shirt auch für
Essence) bereit, der Andrang ist trotzdem groß, was auch daran
liegt, dass das K17 voll wie selten ist, und Zeit dafür ist auch
genug, denn der Beginn verschiebt sich um eine halbe Stunde nach
hinten.
ESSENCE legen los und können sich
gleich über viel Zuschauerzuspruch freuen – bemerkenswert, wenn
man bedenkt, dass die Truppe stilistisch (technischer Thrash Metal
mit Spät-Schuldiner-Versatzstücken) nicht so recht zum Headliner
passen will. Tatsächlich ist an der Instrumentalfront alles in
Ordnung, der Krächzgesang ist dagegen stark gewöhnungsbedürftig
und das Songmaterial hat häufig einen Schlenker zu viel drin, was
den Hörgenuss auf Dauer erschwert. Etwas mehr Schmiss in den Riffs
wäre wünschenswert. Die Bühnenpräsenz geht dagegen mehr als in
Ordnung, so dass das Fazit durchaus positiv ist.
HYPOCRISY gehen danach in die Vollen:
Eine für diesen Club schon zu große, grell blendende Lichtanlage,
mehrere große Banner und eine top-eingespielte Band, die mit dem
Titelsong des aktuellen Albums „End Of Disclosure“ einsteigt und
sofort das gesamte Publikum auf ihrer Seite hat. In den folgtenden
100 Minuten bleibt kein Stein auf dem anderen und die Temperaturen im
K17 erreichen bedenkliche Höhen. Wie immer bei Headlinergigs
reichern die Schweden ihre unverzichtbaren Standarts (u.a. 'Roswell
47', 'Fractured Millenium', 'Fire In The Sky', 'Eraser') und Neuwerke
mit ein paar Raritäten an (u.a. 'Buried', 'Left To Rot' und
'Necronomicon'), was dementsprechend Neuzugänge, Gelegenheitshörer,
Altfans und absoluten Fanatiker gleichermaßen bedient. Auch die
Mischung aus epischem Midtempomaterial und schnellen Brechern stimmt,
wodurch keine Stimmungslöcher entstehen, aber ab und an für Musiker
wie Publikum gleichermaßen nötige Verschnaufpausen eingelegt
werden. Tränensäcke-Of-Hell-Peter ist gut drauf und heizt die Meute
mit einer lockeren Selbstverständlichkeit immer weiter an, dass
einem das schon Bewunderung abringt. Selbst der Sound spielt mit,
auch wenn die Truppe sich mal einen Livekeyboarder zulegen könnten,
genug Einsatzstellen sind definitiv vorhanden und die ganzen
Keyteppiche aus dem Off bringen unnötige Statik in die Performance.
Das ist aber Jammern auf hohem Niveau, denn sicherlich geht kein
HYPOCRISY-Fan heute enttäuscht nach Hause.
Felix Patzig
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